Hereditas Historiae

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Frankfurter Allgemeine Woche - 29 September 2017 

 


Erfolg mit Ansage

Die Empörung über das Abschneiden der AfD ist riesig. Wie konnte das passieren? Die Antwort ist nicht so kompliziert.

Von Andreas Nefzger 


'Die Welt in ihrem Lauf halten die alten Leute auf - das legten die Erkenntnisse der Demoskopen nach mancher Wahl in der jüngeren Vergangenheit nahe. Die Alten waren es, die in den Vereinigten Staaten mehrheitlich für Donald Trump stimmten und Großbritannien aus der Europäischen Union wählten. Die Erzählungen, die nach den Abstimmungen gesponnen wurden, waren einander ähnlich: Die Alten brächten mit ihrem Votum gegen das weitere Fortschreiten der Globalisierung beziehungsweise der europäischen Einigung die Jungen um ihre Zukunftschancen.

Die drauf folgenden Wahlen, die ebenso als Voten über Abschottung oder Offenheit interpretiert wurden, lieferten allerdings nicht das nötige Garn, solche Erzählungen fortzuspinnen. Statt der Alten trat eine andere Problemgruppe in den Fokus: zornige Männer (die freilich bei den vorangegangenen Wahlen auch schon ihren Auftritt hatten). Wären in Frankreich nur Frauen an die Urnen gegangen, Front-Nation-Kandidatin Marine Le Pen wäre nicht einmal in die Stichwahl gekommen. Hätten in Österreich hingegen nur Männer abgestimmt, FPÖ-Kandidat Norbert Hofer wäre heute Bundespräsident.

Den Deutschen sind Ängste, dass hierzulande Ähnliches passieren könnte, nicht fremd. Der "zornige alte Mann" wird gerne zum Querulanten erklärt. Und die Sorge, dass die Alten im Allgemeinen zu viel Einfluss gewinnen, geht schon lange um - Stichwort "Rentnerdemokratie". Die Wahlberechtigten, die älter als sechzig sind, verfügen nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes inzwischen über ein gutes Drittel der Stimmen.

Dass hier ein großes Potential schlummert, das für nationalkonservative oder extrem rechte Positionen empfänglich ist, hat sich allerdings nicht gezeigt. Im Gegenteil: Wie keine andere Altersgruppe haben die Wähler, die sechzig und älter sind, die Regierungsparteien gestützt. Die SPD kam laut der Wahltagsbefragung von Infratest dimap in dieser Gruppe auf 24 Prozent der Stimmen, die Union auf vierzig. Die AfD hingegen schnitt hier mit zehn Prozent so schlecht ab wie sonst nur bei denjenigen, die noch keine 25 sind. Besonders stark war die AfD bei den Bürgern zwischen 25 und 59 (siehe Grafik).

 


Und das Klischee? Dass Männer eher dazu neigen, ihr Kreuz rechtsaußen zu machen, hat auch die Bundestagswahl wieder gezeigt. Während zehn Prozent der weiblichen Wähler für die AfD votierten, waren es beiden Männern 16 Prozent. Und der Zorn, mindestens der Unmut, der AfD-Wähler ist offensichtlich. Er zeigt sich darin, dass die Bürger den Regierungsparteien scharenweise den Rücken gekehrt haben. Eine knappe Million Wähler wanderte von den Unionsparteien zur AfD, weitere 470 000 kamen von der SPD. Der Zorn spricht auch aus dem, was die AfD-Wähler am Tag der Abstimmung gegenüber Infratest dimap gesagt haben: 85 Prozent gaben an, die AfD sei die einzige Partei, mit der sie ihren Protest ausdrücken könnten.

Der Zorn hat viele Gesichter. Dass die AfD besonders für die jenigen eine Alternative sein könnte, die in der Globalisierung eher eine Bedrohung sehen, liegt nahe. Bei Arbeitern und Arbeitslosen war die Partei besonders erfolgreich, sie holte hier jeweils 21 Prozent. Bei den Arbeitslosen zeigt sich die "'neue Konkurrenzsituation in der Parteienlandschaft deutlich: Die Linkspartei hat bei dieser Gruppe zwölf Prozentpunkte eingebüßt, die AfD einen Zuwachs um 19 Punkte verzeichnet. Insgesamt verlor die Linkspartei 400 000 ihrer Wähler an die AfD, die ihr in allen ostdeutsehen Bundesländern den Rang als stärkste Protestpartei abgelaufen hat. In Brandenburg (20,2 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (18,6), Sachsen-Anhalt (19,6) und Thüringen (22,7) wurde die AfD zweitstärkste Kraft hinter der CDU, in Sachsen (27) lag sie sogar einen Zehntel-Prozentpunkt vor der Kanzlerinnenpartei.

Mit ostdeutschen Befindlichkeiten und dem Verweis auf Globalisierungsverlierer allein lässt sich der Erfolg der AfD aber nicht erklären. Schließlich liegen die Ergebnisse der Partei auch in Bayern (12,4 Prozent), Baden-Württemberg (12,2) und Hessen (11,9) deutlich im zweistelligen Bereich. Dass die AfD kein Sammelbecken der Abgehängten ist, haben frühere Analysen ihrer Wählerschaft gezeigt, und die Bundestagswahl hat kein gänzlich anderes Bild ergeben. Bei Wählern mit niedriger Bildung kam sie überdurchschnittlich gut an, die meiste Zustimmung, nämlich 17 Prozent, fand sie aber bei denjenigen mit mittlerer Bildung. Die Anteile der Partei bei Angestellten und Selbständigen liegen ungefähr im Bundesdurchschnitt. 



Letztlich haben sich Einschätzungen bestätigt, die das Thema Zuwanderung als entscheidende Konfliktlinie ausmachten. Das Institut der Deutschen Wirtschaft kam in einer Untersuchung im Vorfeld der Wahl zu dem Ergebnis, die AfD sei eine "Partei der sich ausgeliefert fühlenden Durchschnittsverdiener". Eine Studie der Universität Leipzig spricht von den AfD-Wählern als "kulturelle Modernisierungsverlierer": Die Anhänger der Partei seien viele Entwicklungen von der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bis zur Akzeptanz des Islams als Teil Deutschlands nicht mitgegangen, und die Flüchtlingskrise sei der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Dass die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung den Ausschlag gegeben haben dürfte, zeigen auch die Umfragen von Infratest dimap. Fast jeder befragte AfD-Wähler fand es gut, dass die Partei den Zuzug von Flüchtlingen beschränken und den Einfluss des Islams in Deutschland verringern will. Mehr als die Hälfte fand zwar auch, die AfD grenze sich nicht genug von rechtsextremen Positionen ab. Doch das hielt sie offensichtlich nicht davon ab, der Partei ihre Stimme zu geben.

Zwei Tage nach der Wahl forderte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine gründliche Analyse der Geschehnisse. Im Schloss Bellevue fragte er: "Woher kommen die Enttäuschungen, die Wut, bei manchen gar der Hass, den wir im Wahlkampf erlebt haben?" Andere Politiker waren in ihrer Analyse da schon weiter. Noch am Wahlabend kündigten die CSU-Granden an, nun die "rechte Flanke" schließen zu wollen. Und Linkspartei-Frontfrau Sahra Wagenknecht sagte mit Blick auf die Flüchtlingspolitik, man habe es der AfD überlassen, "bestimmte Dinge anzusprechen, von denen die Menschen einfach erleben, dass sie so sind". Die Hoffnung der etablierten Parteien, die verlorenen Wähler zurückgewinnen zu können, ist jedenfalls nicht vergebens. Gegenüber Infratest dimap gaben nur 31 Prozent an, sie hätten die AfD aus Überzeugung gewählt.'